DAS MEMORANDUM
Viele wissen, dass sich die Molekulare Medizin mit den Grundlagen des Lebens und seinen krankhaften Veränderungen befasst. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts ist zunächst die Biochemie als eigenständiges Fach aus Medizin und Organischer Chemie hervorgegangen. Seither sind biochemische Laboranalysen ein nahezu unersetzliches diagnostisches Werkzeug der Medizin geworden: Blutanalysen von Metaboliten und Enzymaktivitäten gehören längst zum Routineprotokoll ambulanter und stationärer Untersuchungen. Tatsächlich lassen sich die meisten Stoffwechselkrankheiten und endokrinen Störungen nur biochemisch diagnostizieren.
Die rasche Entwicklung der Molekularen Medizin hat in den letzten Jahren einen grundlegenden Wandel der klinischen Medizin angestoßen: Die Zahl der Krankheiten, deren Ursache molekulargenetisch definiert werden kann, nimmt ständig zu. Durch DNA-Analysen von Onkogenen können viele tumorgefährdete Patienten zuverlässiger diagnostiziert und vorsorglich behandelt werden. Gleichzeitig lassen sich menschliche Neurotransmitter-Rezeptoren durch rekombinante Expression der zugehörigen Gene in Zellkulturen übertragen, was die Entwicklung neuartiger, hochselektiver Pharmaka ermöglicht – deren Wirksamkeit jedoch teilweise zweifelhaft ist.
Aber nicht nur die Zahl der molekulargenetisch charakterisierten Krankheiten und Pharmaka wächst ständig. Auch die Gesamtzahl der Diagnosen steigt katastrophal schnell – und das ist eine gefährliche Sackgasse. Der einzige schwache Erfolg besteht im Verständnis viraler und bakterieller Infektionswege sowie der Wirkmechanismen von Medikamenten, was ohne die Erkenntnisse der modernen Molekularbiologie, Biochemie und Zellphysiologie undenkbar wäre.
Dank der Methoden, kleinste strukturelle Veränderungen in den Zellen betroffener Organe und Gewebe zu untersuchen, konnte die Theorie der Zellpathologie entwickelt werden. Sie erkannte die Ursache aller Krankheiten in pathologischen Störungen der Zellen und stufte die Autonomie dieser Prozesse nach ihren Unterschieden ein. Diese Methode der Krankheitsabtrennung lieferte enormes analytisches Material. Allerdings führte sie auch zu einer riesigen modernen Nomenklatur von Krankheiten, die heute mehr als 25.000 Namen umfasst und etwa 180.000 Symptome oder Anzeichen beschreibt. Es ist klar, dass alle „neuen Krankheiten“ neue Medikamente erfordern.
Nur auf den Gebieten der Immunologie, mechanischen Therapie und teilweise der Endokrinologie ergibt die therapeutische Umsetzung der Analysen eine konsequente Schlussfolgerung. Der Rest der vielen tausend Krankheiten erwies sich als unterschiedlich: Jede Krankheit ist zu einer besonderen, individuellen Einheit geworden und erfordert die Auswahl spezifischer Medikamente. Die Pharmakologie, die diese besonderen Anforderungen erfüllen sollte, begann sich auf individuelle Therapien zu konzentrieren und geriet so in eine seltsame Sackgasse, während sie enorme Geldsummen erwirtschaftete.
Natürlich suchten wir in dieser schwierigen Situation nach Wegen, andere Ebenen und Prinzipien zu erschließen. Wir brauchten ein neues Konzept – und wir fanden es. Dies war nicht einfach und erforderte viel experimentelle Arbeit sowie intellektuellen Druck.
Wir begannen, die Grundprinzipien der Funktionsweise eines unendlichen Netzwerks von Nervenrezeptoren zu verstehen, das alle Organe und Gewebe durchdringt und als Schalter für Reize aus der äußeren und inneren Umgebung dient. Diese Reize werden in Prozesse nervöser Erregung umgewandelt, die über Reflexbahnen in die Arbeitsorgane weitergeleitet werden und deren morphologischen sowie funktionalen Zustand verändern. Einfach ausgedrückt: Dieses Netzwerk bildet Gesundheit oder Krankheit – abhängig von der organischen Natur des Nervenimpulses, der von einem Pathogen oder anderen Faktoren ausgeht.